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Philosophie-Wochenende in Bingen

Thema: „Was können wir wissen?    Diskussionen rund um die Evolutionäre Erkenntnistheorie“

Leitung: Herr Roth

Teilnehmer: Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des EFG

I.

Eine Gruppe von interessierten Schülerinnen und Schülern aus der Oberstufe des Emanuel-Felke-Gymnasiums fuhren am Wochenende (27./28. Juni 2014) mit Herrn Roth zur Jugendherberge Bingen, um fern vom gewohnten Lernort des Gymnasiums über erkenntnis- bzw. wissenschaftstheoretische und damit zusammenhängende ethische Fragen zu diskutieren. Die Rahmenbedingungen waren ideal: die Zimmer und der zur Verfügung stehende Seminarraum der hoch gelegenen Jugendherberge erlaubten einen Blick auf den Mäuseturm und die Burg Rheinfels, auf Bingen und das Rheintal. Der distanzierte Blick auf die Dinge passte zu unseren skeptischen Überlegungen über die Wirklichkeit der Dinge im Sinne von Descartes´ methodischem Zweifel. Sind die Dinge an sich, auch ohne uns, oder sind sie nur für uns, nicht ohne uns? Im Rahmen der Position des hypothetischen Realismus ergaben sich die weitergehenden Fragen: Wie kommt Wissen zustande, wie weit reicht unsere Erkenntnis, wie sicher ist sie?

Mit diesem Problemhorizont war am Freitagnachmittag der inhaltliche Rahmen für den Samstag gesteckt. Nach dem Abendessen spielten wir im Park am Mäuseturm, promenierten am Rhein, diskutierten und spielten Karten im Cafe, machten ein Experiment zum epikureischen Maßhalten - all dies unter den Rhythmen des swingenden Bingen.

II.

Am Samstagmorgen nach dem Frühstück ging es los mit harter Textarbeit: „Über den Begriff der notwendigen Verknüpfung“ von David Hume. Wie kommt unser Eindruck der kausalen Verknüpfung von Ereignissen zustande? Hume legt den Ort der kausalen Verknüpfung in den Menschen. Eine regelmäßige Abfolge von Ereignissen interpretieren wir auf Grund von Gewohnheit als kausal verknüpft. Ein regelmäßiges post hoc wird als propter hoc interpretiert. Damit ist in Frage gestellt, ob die Wirklichkeit unabhängig von unserem erkenntnismäßigen Zugriff kausal strukturiert ist, ob also dem subjektiven propter hoc ein ontologisches propter hoc entspricht. Hier wird zum ersten Mal der hypothetische Charakter von Wissen deutlich.

Kant fühlt sich durch Humes Analyse aus einem „dogmatischen Schlummer“ gerissen. Die Kausalität legt er wie Hume in den Menschen, kann aber die empiristische Deutung Humes nicht akzeptieren. Er fasst die Kausalität als etwas Apriorisches auf, etwas, das -vor jeder Erfahrung- der Wirklichkeit ihre Struktur vorgibt, vergleichbar einer Brille mit grüngefärbten Gläsern, die die Wirklichkeit ausschließlich als grünlich erscheinen lässt (vgl. Heinrich von Kleists „Kant-Krise“).

III.

Den Kaffee in der Kaffeepause nahmen wir irgendwie anders wahr als sonst. Auf merkwürdige Weise richtete sich unsere Wahrnehmung nicht nach dem Gegenstand, sondern dieser nach uns. Ein kleines Kartenspiel half, wieder normal zu werden.

Vertreter der evolutionären Erkenntnistheorie sind Konrad Lorenz und Gerhard Vollmer. Konrad Lorenz knüpft an Kants apriorische Formen an, wenn er angeborene Verhaltensformen zu seinem Hauptthema macht. Die Erkenntnisstrukturen werden jedoch von ihm biologistisch gedeutet. Sie sind in Anpassung an die Umwelt entstanden, als kognitive Nischen zum Zwecke des besseren Überlebens. Die Erkenntnisformen sind in gewissem Sinne reale Dinge, Lorenz spricht von der „Rückseite des Spiegels“. Die evolutionäre Erkenntnistheorie deutet das menschliche Erkenntnisvermögen als Ergebnis biologischer Evolution. Selbst Formalwissenschaften wie die Mathematik verlieren dadurch ihre apriorische Gültigkeit. Gerhard Vollmer entwirft im Sinne der evolutionären Erkenntnistheorie das sogenannte projektive Erkenntnismodell. Außerdem differenziert er gewinnbringend zwischen anschaulichen und unanschaulichen Erkenntnissen, was weitreichende Folgen für ethische Probleme hat.

IV.

Nach dem Mittagessen begann eine heiße Diskussionsphase. Thema waren globale Probleme, die der Mensch anscheinend nur schwer in den Griff bekommt. Der Versuch, mit den Ergebnissen der evolutionären Erkenntnistheorie, insbesondere der Differenzierung von Unanschaulichkeit und Anschaulichkeit, die Schwierigkeit zu erklären, ethisch verträgliche Lösungen zu finden, wurde durch das Abschweifen in Teilprobleme wie „Was ist richtige Entwicklungshilfe?“ stark überlagert. Letzten Endes fand die Schwierigkeit, seine Entscheidungen nach dem Prinzip „Global denken, lokal handeln“ zu treffen in der evolutionären Erkenntnistheorie seine Erklärung.

Zeitrahmen:      I. Fr, 16:00 - 17:50            II. Sa, 9:00 – 10:30           III. Sa, 11:00 – 12:30        IV. Sa, 13:30 – 15:00

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